Wie jeden Morgen.

Wie jeden Morgen verflüchtigt sich der wattefarbene Nebelfilm von den Wiesen. In den letzten Schwaden zeichnen sich die ersten schwachen Sonnenstrahlen gelb ihren Weg. Wie kleine Kristalle funkeln Tautropfen an den Gräserspitzen. Vögel schlagen Saltos in den Himmel und durchdringen die Stille mit ihrem Gesang. Alles ist wie jeden Morgen, nur sind mir viele dieser schönen Details lange nicht mehr so nahe gegangen.
Wie jeden Morgen klingeln die kleinen Glöckchen an der Tür der Bäckerei. Es duftet nach frischen Kuchen und Gebäck. Die Zeitung auf dem Ladentisch verspricht gutes Wetter für die nächsten Tage und Temperaturen zum Baden gehen. Schon biegt die Verkäuferin um die Ecke und fragt mich nach meinen Wünschen. Ich lasse mir ein paar mehr Semmeln einpacken als sonst und entscheide mich ausnahmsweise für eine Erdbeermilch. Sonst ist eigentlich alles wie jeden Morgen, nur warum lächelt mir die Verkäuferin heute so verschmitzt entgegen?
Wie jeden Morgen hole ich Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank, stelle die Brötchen auf den Tisch und setze einen Kaffee an. Draußen wird es allmählich hell. Ich öffne die Fenster und schenke den Blumen ein wenig Wasser nach. Mit dem stärker werdenden Geruch des Kaffees beginnt auch mein Magen zu knurren. Alles ist so wie jeden Morgen, nur...
Behutsam öffne ich die Schlafzimmertür. Ihre Füße luken unter der Bettdecke hervor, ihre Haare liegen aufgefechert über dem Kissen, ihr Gesicht schmiegt sich noch schlafend in die Daunen und sie sieht dabei so wunderschön und glücklich aus. Nein, das ist nicht wie jeden Morgen. Ganz bestimmt nicht. Und als sie gestern neben mir einschlief sagte sie noch, sie wolle aus diesem Traum nie wieder erwachen.

(c) Jakob Barton 2008

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Falter draus!